figuren theater tübingen

Kopfgeburten an Fäden

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„Ein raffiniertes Gesamtkunstwerk mit aufregender Musik.“
Stuttgarter Zeitung, 4.12.2011

Kopfgeburten an Fäden
In einer schattigen Szenerie fließen Sprache, Figurenspiel, Klänge und Video zusammen und öffnen Blicke in die Seelenlandschaft des Bildhauers und Dichters Alberto Giacometti. Die aufwendige Inszenierung ist eine Kooperation mit dem französischen Ensemble »Compagnie Bagages de Sable« und dem Schweizer Theater Stadelhofen. Schauspieler Patrick Michaelis verkörpert den Künstler Giacometti und spricht dessen Texte: Erinnerungen und Szenen, in denen Realität und Imagination verschwimmen. Bilder aus der Kindheit steigen auf, von einem Felsen, der Geborgenheit bot; und Bilder vom anderen Ende des Lebens, als ein Freund stirbt und der tote Körper Grauen verbreitet. Zwischendurch verliert sich die Sprache in Verrücktheit, auch Abgründe der Grausamkeit tun sich auf. Michaelis zieht mit seiner Sprachkunst samt französischem Akzent bezwingend in den Bann dieser Innenlandschaften. Er steckt dabei körperlich oft tief in einem hüfthohen Aufbau, der die Bühne einnimmt (Bühne: Sabine Ebner). Soehnles Figurenspiel macht die Gestalten dieses Zentrums sichtbar. Als fragile, skelettartige Marionetten umflattern sie den Künstler, während er seine Fantasien vorüberziehen lässt. Von Soehnle auf der Bühne offen gespielt, wirken diese Figuren wie Gestalt gewordene Kopfgeburten Giacomettis. Die Innenwelt-Szenerien beleben sie wie ein Totentanz: Da rekelt sich eine mondäne Dame mit Blütenkopf in einem Weinglas; zwei Knochenmänner spielen Trampolin im Schallbecher zweier Alphörner; ein lebendes Hemd wirft sich dem Künstler mit Knochenarmen um den Hals; und schließlich verwandeln sich die Schallbecher der beiden Alphörner in leere, tote Augenhöhlen. Die beiden Musiker Jean-Jacques Pedretti und Robert Morgenthaler leuchten diese Seelenlandschaften auf ihre Weise aus: mit raunenden Alphörnern, wispernden Muschelhörnern und fantasievoller Perkussion. Und wenn sich Soehnles Figuren zu Tänzen aufschwingen, wiegen sich zwei Posaunen im Jazz-Walzer. Schlaglichter des Geschehens werden per Videokamera auf den Bühnenhintergrund projiziert und dort mit live geschriebener Schrift überblendet (Technik: Christian Glötzner). Diese filmische Ebene ergibt ein Kunstwerk für sich. Und so fließt hier alles in einer rätselhaften Atmosphäre zusammen: die geheimnisvollen Lichtstimmungen, die karge und klare Sprache, die ungreifbaren Klänge, die fragilen Figuren und die Videoebene mit ihren Nahaufnahmen von Sand, Kreideschrift und schrundiger Haut. Szenen, so rätselhaft wie die Seele des Künstlers – mysteriös und faszinierend.
GEA 21.11.2011

Ein Gesamtkunstwerk nach Motiven von Giacometti
Stuttgart/Tübingen - Einst galt Frank Soehnle, der Mann, der hinter dem Figurentheater Tübingen steckt, als große Nachwuchshoffnung. Heute ist er einer der Meister des Figurentheaters, weltweit bekannt und aktiv. Soehnle pflegt einen eigenen, richtungsweisenden Stil. Im FITZ zeigt er im Rahmen einer kleinen Werkschau seine neueste Arbeit, das Stück „Hotel de Rive" nach Motiven von Alberto Giacometti (1901-1966). Soehnle gehört zu denjenigen, die die Türen des Figurentheaters weit aufgestoßen haben für andere Kunstformen, die Musik und Schauspielern, aber auch die bildenden Künste und Literatur in das Figurentheater integrierten. Aus drei surrealistischen Texten Alberto Giacomettis hat Soehnle eine Performance gezaubert, die dem lange Jahre in Paris lebenden Künstler auf den verschlungenen Pfaden seiner Suche nach Perfektion folgt. Eine merkwürdige Welt entsteht, die eigentlich nicht beschreibbar ist, die sich aus der Realität völlig entfernt hat, hier doch eine Beschreibung findet. Sie findet sie in einer Parallelwelt von unbegreifbarer, aber durch die Darstellung erfühlbarer Poesie, Kunst fernab von jeglichem Realismus, aber dafür um so intensiver.
LKZ, 4.12.2011

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Ein Mensch wie ein Fels: das Gesicht dick mit Staub bedeckt, der Mantel über den Kopf gezogen. Ein feines Marionettenwesen - der Körper ist aus zartesten Stofffetzen - legt das kantige Kinn auf den haarlosen Kopf des Menschen. Alphörner blasen scharfe Windgeräusche ins düstere Tal von Stampa. Hier wachsen die Träume des Kindes Alberto Giacometti bis nach Sibirien. An seinen Heimatort im Bergell wird er immer wieder zurückkehren (wir hören Alphornklänge) und in sein Atelier ins 1000 Meter höher gelegene lichtere Maloja. Es bleibt das Geheimnis so talentierter Figurenbauer und -Spieler wie Frank Soehnle, Menschen und Marionetten in einen lebenden Kosmos zusammenzuführen. Und diese intelligente Inszenierung will alles und fasziniert mit allem: Realität und Fiktion, ästhetisches Licht-und-Schatten-Spiel der langgliedrigen Figuren, Schrift und Zeichnungen auf der Projektionsfläche und gesprochene Giacometti-Zitate.
Stuttgarter Nachrichten, 4.12.11

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Soehnle näht aus Figuren, Textfetzen und Sounds ein Theater, das sich an Giacomettis Visionen besoffen hat und zugleich uns berauscht: Hier umarmt Kunst Kunst jenseits von jedem Edutainment.
Züricher Tages-Anzeiger 31.03.2012

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Ein Ensemble um den Marionettenmeister Frank Soehnle nähert sich durch Texte Alberto Giacomettis diesem Künstler. Schauspieler Patrick Michaelis erschien da selbst wie der monolithische Fels, der Giacometti ein geliebter Kindheitsort war. Sand rieselte von seiner Stirn, filigrane Puppen tanzten ihm über den Körper. Live-Video, Licht und Schattenspiel machten die Aufführung zum betörenden, visuellen Ereignis.

 Zwei Musiker brachten dazu den perfekten Giacometti-Soundtrack auf die Bühne: Der Künstler tingelte ein Leben lang zwischen Paris mit seinem verlockenden Nachtleben und dem Schweizer Land. Jean-Jaques Pedretti und Robert Morgenthaler spielten so Jazz auf Alphörnern. Dafür gab es riesigen Jubel im ausverkauften Saal.
Ruhrnachrichten, 13.05.2012

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Grotesque, elegant, unnerving, unexpectedly humorous: Hotel de Rive is a profound - and superbly performed - excursion into the turmoil of making art, and then opening up that journey to an audience.
The Herald Edinburgh 10.02.2014

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But what this production managed to convey was more complex and personal than labels and categories will allow. Amidst all the angst and alienation and lack of reason, they made the originality of Giacometti’s work, and the sense of his self-consciously reflective and life-affirming creativity, recognisable and glorious.
Edinbough Guide, 6.02.2014